Presse 2020

1. November 2020 Aus Von rwerner

Leben ist Marathon und kein Sprint

Seit fünf Jahren leistet das Projekt RUN & GONE Suchtprävention

Veröffentlicht am Mittwoch, 16. September 2020

Der Weg aus der Suchtkrankheit ist mit der stationären Entgiftung lange nicht zu Ende. Mit einem Sportprojekt, das in diesem Jahr zum fünften Mal stattfand, haben drei Initiatoren die Suchtberatung ehrenamtlich wirkungsvoll erweitert.

Akteure der Aktion RUN & GONE am Startpunkt der Löbtauer Beratungsstelle der Radebeuler Sozialprojekte GmbH (RASOP) auf der Freiberger Straße 122: Roberto Füger, Erlebnispädagoge Nico Darwish-Müller, Jörg Fischer, RASOP-Mitarbeiterin Lena Kandler, Reno Werner, Suchttherapeut Jörg Leschke (v. l. n. r.). Foto: S. Dietrich
Akteure der Aktion RUN & GONE am Startpunkt der Löbtauer Beratungsstelle der Radebeuler Sozialprojekte GmbH (RASOP) auf der Freiberger Straße 122: Roberto Füger, Erlebnispädagoge Nico Darwish-Müller, Jörg Fischer, RASOP-Mitarbeiterin Lena Kandler, Reno Werner, Suchttherapeut Jörg Leschke (v. l. n. r.).

Foto: S. Dietrich

Löbtau. Aus Lebenskrisen dreier Gleichgesinnter entstand 2016 das Laufprojekt Run and Gone. Reno Werner, Roberto Füger und Jörg Fischer initiierten ein sachsenweites Event. Jedes Jahr in der ersten Septemberwoche wird zu Fuß und mit dem Rad in einer für alle Interessenten offenen Laufgemeinschaft eine Strecke von rund 280 Kilometer absolviert, aufgeteilt in Tagesetappen von ungefähr Marathonlänge. Die Strecke führt von Weißwasser über Dresden nach Großrückerswalde. Auf der Route wird in verschiedenen Entzugseinrichtungen mit Suchtkranken das Gespräch gesucht, so bei Gesprächsrunden in Arnsdorf und Großschweidnitz. In Dresden wurde in diesem Jahr in der Löbtauer Beratungsstelle der Radebeuler Sozialprojekte gGmbH (RASOP)  auf der Freiberger Straße mit Jugendlichen über Suchtprävention gesprochen. Die RASOP wurde 2000 gegründet, um moderne und flexible Hilfen auf dem Gebiet der Jugendhilfe anzubieten. Schwerpunkt ist die ambulante und stationäre Drogennachbetreuung. Von dort startete nach dem Gespräch mit den Jugendlichen eine Etappe des Laufes.

Roberto Füger erinnert sich an den ersten Lauf: »Im ersten Jahr sind wir noch mit Bundeswehr-Rucksack losgelaufen. Das war eine Tortur.« Die Laufstrecke wird inzwischen ohne Rucksack absolviert. Die »Lauffamilie« bewältigt die Strecken in einem mäßigen Joggingtempo. Ein Rad mit Gepäck und Proviant fährt die Strecken jeweils mit. Schließlich sei auch das Leben kein Sprint, sondern eher ein Marathon.

Die Stammbesetzung des Teams kommt, wie von Beginn an, aus den Familien der Initiatoren. In den vergangenen Jahren beteiligten sich hunderte Läufer. Wer will, kann auch nur einige Kilometer mitlaufen. Die Initiatoren laufen die gesamte Strecke.

Inzwischen hat sich die Laufaktion jedoch zu einem durchorganisierten Laufevent entwickelt. Und der dafür gegründete Verein Run and Gone e. V. wird von vielen Freiwilligen und einigen privaten Sponsoren unterstützt. Die Initiatoren waren beispielsweise sehr erfreut, dass die Jugendmannschaft der Lausitzer Füchse einer der ersten Unterstützer der Sportaktion war. Die Sportkleidung sponsert inzwischen unter anderem der Unternehmer Gunter Seat von Foullon.

Die drei Initiatoren haben in früheren Lebenskrisen nach teils jahrelangem Rauschgiftkonsum Entzugserfahrungen machen müssen. Sie motivieren durch eigenes Vorbild Suchtkranke auf dem langen Weg aus der Sucht. Oft führt dieser am Anfang über eine stationäre Entgiftung. Dann kommt das Durchhalten.

»Laufen ist kein Allheilmittel«, weiß Roberto Füger. »Es ist eine von vielen möglichen charakterbildenden Maßnahmen. Das kann auch die Beschäftigung mit der Musik sein oder ein anderes Hobby, an dem man wachsen kann und dabei auch Rückschläge bewältigt.« Er ist froh, dass heute die Folgen von Crystal nicht mehr so wenig bekannt sind, wie Ende der 90er Jahre.

Die gesellschaftliche Tendenz zur Verharmlosung von Haschisch wird hier nicht bejubelt. Der Weg zum Haschischdealer führt zum Dealer der chemischen Drogen. Auch die teils gesellschaftliche Verharmlosung von Alkoholmissbrauch bekämpfen sie. Es habe sich gezeigt, dass Alkoholmissbrauch oft der erste Schritt zum späteren Gebrauch chemischer Drogen sei. Man lernt dabei, seinen Problemen auf scheinbar bequeme Art aus dem Weg zu gehen. Der »Preis« ist teils rasanter physischer Verfall und teils völliger sozialer Abstieg bis in die Obdachlosigkeit. »Je früher man raus aus dem Drogenkonsum kommt, umso besser. Denn am Ende steht der Leidensdruck Entzug oder Sterben«, so Füger.

Umso wichtiger sind ergänzende Hilfsangebote, die in der Landeshauptstadt Dresden unter anderem die RASOP anbietet. So ist es auch kein Wunder, dass deren Geschäftsstelle auf der Leipziger Straße und die Beratungsstelle auf der Freiberger Straße 122 inzwischen – jährlich wechselnd – zu festen Ziel- und Startpunkten zweier Einzeletappen der Laufwoche geworden sind. In diesem Jahr mussten zudem die Corona-Hygienebedingungen bei der Durchführung des Laufes beachtet werden.

Auf der Internetseite des Vereins wird über den Verlauf des Projekts berichtet. Dort finden sich auch Kontakte zum Verein. Weitere Laufinteressenten und Unterstützer können sich gern dort melden.

Steffen Dietrich